Kölnische Rundschau schreibt über die Kolkraben
Auseinandersetzung mit Inklusion
Von Katharina Hamacher, 18.02.12
Der schwarze Rabe guckt reichlich verstört aus der Wäsche. Mit großen Augen sitzt die Galionsfigur der Kolkrabenschule in ihrem grün berankten Nest, während viele bunte Fragezeichen um ihren Kopf kreisen.
Generalprobe für den großen Auftritt: Die kleinen Kolkraben üben in der Turnhalle die richtige Aufstellung in Viererreihen. (Fotos: Gauger)
Der schwarze Rabe guckt reichlich verstört aus der Wäsche. Mit großen Augen sitzt die Galionsfigur der Kolkrabenschule in ihrem grün berankten Nest, während viele bunte Fragezeichen um ihren Kopf kreisen. Grund für die Verwirrung ist eine streng dreinblickende Politikerin mit harten Zügen und schrill lackierten Nägeln. Sie thront über einem großen Glücksrad und entscheidet mit ausgestrecktem Zeigefinger willkürlich über die Zukunft der kleinen Kolkraben: Haupt-, Sekundar- oder vielleicht doch Förderschule? Wenige Tage vor ihrem großen Auftritt bei den Schull- un Veedelszöch laufen die Vorbereitungen bei Pänz und Lehrern der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen auf Hochtouren. Während die Schüler der Handwerks-AG im Flur noch die letzten Schrauben an der Wagen-Figur festziehen, herrscht in der Turnhalle buntes Durcheinander.
Frenetischer Jubel schallt Ele Kötter entgegen, als die Fachlehrerin ihre Schüler zum dreifachen „Kölle Alaaf“ anfeuert. 46 Fünft- bis Siebtklässler in Glücksrad-Kostümen stellen sich ordentlich in Viererreihen auf und warten auf das Signal zum Losmarschieren. Bei all der Aufregung, die Position zu halten und sich am Vordermann zu orientieren, erfordert für die Schüler mit Lernschwäche besonders viel Konzentration. Was ihr Motto „All Jecke inklusive“ bedeutet, müssen sie aber nicht lange überlegen. „Inklusion, das ist alles zusammen“, sagt Can und zeigt auf die Glücksräder, die wie Heiligenscheine um die Köpfe seiner Mitschüler und Lehrer schweben. Begriffe wie GU, Sekundarschule, Abordnung oder Förderschule stehen auf den bunten Feldern, hinten prangen große Fragezeichen. „Wir wollen nicht, dass die Förderschulen wegkommen“, sagt der 13-Jährige ernst. Auch sein Mitschüler Enes macht sich Sorgen über die Zukunft seiner Schulform. „Ich finde es gut, dass wir im Zug mitgehen und die Leute uns dort sehen“, sagt der Siebtklässler (12). Bei den Vorbereitungen hat ihm das Basteln der Glücksräder besonders viel Spaß gemacht. Im Kunstunterricht haben die Pänz mit Hilfe ihrer Lehrerin Ele Kötter, die an der Schule für die Schull- un Veedelszöch verantwortlich ist, die Kopfbedeckungen gestaltet. Während sich an vielen anderen Schulen die Eltern um die Vorbereitungen reißen, stemmt das Lehrerkollegium die Planung und Durchführung alleine. „Wir sind wahrscheinlich die einzige Schule, die eine Generalprobe durchführt“, sagt Ele Kötter lachend. „Ansonsten gäbe es Chaos. Unsere Schüler brauchen feste Strukturen.“ Zehn Euro zahlt jedes Kind beim Zoch für Kamelle, die restlichen rund 1000 Euro treiben die Lehrer über Sponsoren auf. Die 500 Beutel mit Süßigkeiten zu füllen und die Strüßjer zu binden, ist für die Schüler ein Riesenspaß. Während des Zugs bringen Referendare und Praktikanten Kamelle und Blumen zu den kleinen Kolkraben mit der Gruppennummer 18, damit die Viererreihen nicht auseinandergehen. Auf vier Schüler kommen zwei Erwachsene, frei hat am Sonntag keiner der Kollegen. Eine Lehrerin fährt mit ihrem Pkw samt Anhänger die Galionsfigur, Strüßjer und Kamelle durch die Stadt. Wer nicht im Zug mitgeht, sorgt im Anschluss für die Verpflegung.
Was der Zoch für ihre Schüler bedeutet, wissen die Lehrer der Förderschule nur zu gut. Während die Pänz im Alltag oft ausgegrenzt werden, jubeln ihnen die Menschen an diesem einen Tag im Jahr zu. „Für sie ist es etwas ganz Besonderes“, weiß Klassenlehrerin Conny Scholten. „Die Kinder blühen richtig auf.“
Hier gibt es den Artkel als PDF-Datei :
Kölnische Rundschau vom 18.02.2012
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